Tratschen psychologie

Auch hierbei handelt es sich um einen Sachverhalt, der extrem wichtig ist für das soziale und gemeinschaftliche Miteinander verschiedener Personen. Der bereits angesprochene Tratsch-Wissenschaftler Robin Dunbar spricht sogar von einem sozialen Warnsystem, das unverzichtbar für uns Menschen ist. Tratschen fördert Beziehungen: Zu diesem Ergebnis kam Dunbar in seiner Abhandlung Grooming, Gossip, and the Evolution of Language.

Tratschen integriert: Es spricht nicht gerade für uns Menschen, doch gilt ganz allgemein der einfache Merksatz: Wer nicht mitlästert, der gehört nicht dazu. Im Umkehrschluss sind Menschen, die an vorderster Lästerfront stehen, immer gut integriert und ein fester Bestandteil des sozialen Gefüges. Übrigens: Je geschlossener eine Gruppe ist, desto öfter wird getratscht.

Das ist gut für besagte Person, denn ein solcher Status bedeutet, dass sie immer Gehör findet und im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Mit anderen Worten: Sie sammelt viele soziale Kontakte, die wiederum zu einer Steigerung ihrer Lebenserwartung beitragen. Der Lehrer meines Lehrers Swami Sivananda hat in vielen Büchern geschrieben: "Do not gossip. Warum hat er das so häufig gesagt?

Vermutlich weil auch in seinem Ashram es üblich war, das Menschen Klatschgeschichten verbreitet haben und getratscht haben. Dir würde ich raten nicht zu tratschen. Spreche nicht negativ über andere, verschwende nicht deine Zeit damit. Die Geschichten, die Menschen übereinander erzählten, steckten nämlich voller Informationen: Sie sprachen über ihren sozialen Status, über die Rollen, die sie in der Gruppe spielten, und sie festigten soziale Normen.

Sie erfüllten damit auch den Zweck, Menschen bei der Suche nach einem passenden Partner zu unterstützen. Aus psychologischer Sicht liegt der Nutzen des Tratsches in der unterschwelligen Bekämpfung der eigenen Unsicherheit. Menschen gefällt der Gedanke nicht, dass sie nicht genügend Informationen hätten. Also versuchen sie, das Gleichgewicht wiederherzustellen und sich dieselben zu beschaffen.

Die Motivation hierbei liegt darin, Informationen über eine andere Person zu erhalten, die zum eigenen Vorteil genutzt werden können. In der Praxis bedeutet dass: der Zweck heiligt die Mittel. Alles ist erlaubt. Welche Menschen tratschen? Welches Bild haben sie von sich selbst? Jeder, der schon einmal das Ziel von Klatsch und Tratsch gewesen ist, wundert sich über die Gründe.

Reden sie über mich, weil sie sich langweilen? Haben sie kein eigenes Leben? Natürlich, es gibt sie, die bösen Zungen. Menschen, die Missgeschicke, Fehltritte und Peinlichkeiten anderer weitererzählen, um deren Ruf zu schädigen, oder die mit Vorliebe abwertend reden. Im Gegenteil: Lästern verbindet. Gleichzeitig sind solche Plaudereien eine Art Kompass.

Menschen holen dabei Informationen ein: Wie ist das Verhalten von der Freundin einzuordnen? Hat sie wirklich überreagiert oder bin ich zu engstirnig? Wie kann ich mit ihr in dieser Situation umgehen? Das sind typische Fragen, die uns durch den Kopf gehen und die wir in unseren Gesprächen mit beteiligten oder unbeteiligten Dritten wälzen. Lästern ermöglicht, sich in der Gesellschaft zu verorten.

Tatsächlich stärkt es den Zusammenhalt von Menschen in ganz unterschiedlichen Gefügen. Die Probanden in dem Experiment sollten sich in eine Situation aus dem Studium versetzen: eine Gruppenarbeit, bei der einer der Kommilitonen besonders nachlässig arbeitet, so dass andere seine Leistung ausgleichen müssen. Die Frage: Bei welchem Gegenüber würden sie lästern?

Tatsächlich waren die Studienteilnehmer im ersten Fall mehr geneigt, vom Leder zu ziehen, als in der Situation, auf einen Unbeteiligten aus dem Studiengang zu treffen. Wer mit einem möglichen Leidtragenden tratschte, tat dies also vor allem aus einem noblen Grund: um die Person vor unschönen Erfahrungen mit dem arbeitsfaulen Kommilitonen zu schützen.

Lästern dient hier als Schutz. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert: weder an den Themen noch an der Tatsache, dass Menschen gern die Köpfe zusammenstecken, um über abwesende Dritte zu tuscheln. Häufig nichts Gutes. Und doch hat dieses Tuscheln einen positiven Nebeneffekt, sagt die klinische Psychologin und Psychotherapeutin Karoline Verena Greimel: "Psychologisch ist das ein sehr interessantes Thema.

Zum einen ist es verpönt, zum anderen tut es jeder, und das sehr gern. Damit werden normative Linien von Werthaltungen gezogen. Wenn Menschen tratschen, etablieren sie gleichzeitig ihre Position in der Gesellschaft. Was gehört sich? Was nicht? Was wird sozial geahndet?