Zeitschrift für pädagogische psychologie 1998 30 26-39

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Die ersten Ergebnisse mit diesem Testverfahren zeigen, dass damit eine recht gute Vorhersage der Lese- und Rechtschreibentwicklung in den ersten Grundschulklassen möglich ist. Um festzustellen, ob bei einem Kind eine Legasthenie vorliegt, sollte eine eingehende Diagnostik durchgeführt werden. Hierzu gehören folgende Testverfahren:. Empfohlene Lesetests: Für den gesamten Primarbereich standardisierte Lesetests, die empfohlen werden können, sind nur für den Primarbereich vorhanden :.

Zusätzlich zur Testdiagnostik wird ein ausführliches Gespräch über die Entwicklung des Kindes seit der Geburt und über die familiäre Situation durchgeführt. Anhand eines Schulberichtes werden der Leistungsstand im Lesen und Rechtschreiben sowie die Verhaltensweisen des Kindes im Unterricht beschrieben. Die emotionale und persönliche Entwicklung des Kindes sollte im Rahmen einer psychologischen Untersuchung zusätzlich erfasst werden.

Diese Untersuchungen werden insbesondere bei Kindern durchgeführt, die besonders ängstlich und traurig sind, vor Diktaten Bauchschmerzen entwickeln oder z. Aber auch bei sehr unruhigen, hyperaktiven Kindern ist eine umfangreichere Diagnostik zu empfehlen. Zu den oben bereits genannten Verfahren kommen Fragebogen und Computertests hinzu, um zu beurteilen, ob die Verhaltensauffälligkeiten so stark ausgeprägt sind, dass eine Behandlung dieser Probleme erfolgen sollte.

Bei einzelnen legasthenen Kinder besteht der Verdacht, dass zusätzlich eine Epilepsie vorliegt. Die Probleme dieser Kinder können recht unterschiedlich sein. Eventuell treten wiederholt sehr kurze Phasen von Abwesenheitszuständen auf, die bei Beobachtung des Kindes wie unaufmerksame Momente wirken. Bei Verdacht des Vorliegens einer Epilepsie sollte eine Elektroenzephalographie EEG durchgeführt werden.

Bei Bestätigung des Verdachts ist eine ärztliche Behandlung dieser Störung notwendig. Wenn Kinder wiederholt berichten, dass ihnen beim Lesen die Buchstaben verschwimmen, dass es schwierig ist, den Satzanfang zu finden oder dass ihre Augen die Buchstaben in einer Zeile verlieren, sollte eine eingehende orthoptitische Untersuchung durchgeführt werden.

Solche Untersuchungen werden allerdings nicht überall angeboten. Eine periphere Hörstörung wird häufig mit Hilfe einer Tonschwellenaudiometrie untersucht. Bei legasthenen Kindern finden sich hier selten Auffälligkeiten. Hingegen liegen häufig Schwierigkeiten bei der Unterscheidung von Einzellauten vor. Diese Schwierigkeiten sind eher auf eine zentrale Verarbeitungsstörung der auditiven Information zurückzuführen.

Im Rahmen einer psychologischen Untersuchung kann die Lautunterscheidungsfähigkeit erfasst werden. Zusätzlich sollte die Sprechentwicklung beurteilt werden. Hierzu gehört die Beurteilung der Artikulationsfähigkeit von Einzellauten und komplexen Lauten. Bei manchen Kindern liegt zusätzlich eine Stottersymptomatik vor. Anhand dieser gesamten vorliegenden Untersuchungsergebnisse wird dann entschieden, ob bei einem Kind eine Legasthenie vorliegt.

Das Vorgehen hierbei ist aber nicht einheitlich. Hiervon abzugrenzen ist eine Lernbehinderung. Von einer Lernbehinderung spricht man, wenn die kognitiven Fähigkeiten, gemessen anhand eines Intelligenztests, unterdurchschnittlich sind. Diese Abgrenzung ist unter mehreren Gesichtspunkten sinnvoll: Kinder mit einer Lernbehinderung benötigen andere Hilfestellungen und Förderkonzepte als legasthene Kinder.

Die Entwicklung beider Störungen verläuft unterschiedlich. Neben der ärztlichen und psychologischen Diagnostik erfolgt die Beurteilung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit durch die Schule. Im Vordergrund steht hier die qualititive Beurteilung des individuellen Entwicklungsstandes des Kindes im Lesen und Rechtschreiben. Standardisierte Lese- und Rechtschreibtests werden hier selten eingesetzt.

Auch jahrgangsweise Überprüfungen der Lese- und Rechtschreibfähigkeit werden bisher in den Schulen kaum durchgeführt. Zunächst war die Akzeptanz von klassenübergreifenden Tests im Lehrerkollegium gering. Nachdem aber der mögliche Nutzen für jeden Lehrer deutlich wurde, da er eine individuelle Rückmeldung über die Lese- und Rechtschreibentwicklung seiner Schüler bekam, erhöhte sich die Akzeptanz sehr.

Es zeigte sich, dass die jahrgangsweise Durchführung der Rechtschreibtests zur Verbesserung des gesamten Niveau der Lese- und Rechtschreibleistung beitrug. Anhand dieses empirischen Ergebnisses lässt sich der Nutzen von jahrgangsweisen Tests anschaulich aufzeigen. Ein weiterer Nutzen ist, dass durch solche diagnostischen Verfahren Risikokinder in den ersten Klassen schon frühzeitig erkannt werden können.

Im Vergleich zu dem Vorgehen, das Kind erst dann zu untersuchen, wenn sich die Störung schon soweit ausgebildet hat, dass die Symptomatik sehr ausgeprägt ist und sekundär bereits psychische Probleme entstanden sind, ist in jedem Fall das Vorgehen anhand von Screenings zu bevorzugen. Wer stellt die Legasthenie fest?

Die Diagnose einer Lese-Rechtschreibstörung wird durch Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie gestellt. Aufgrund der verschiedenen Untersuchungsebenen kann die Diagnostik der Legasthenie nur interdisziplinär erfolgen. Die Kooperation aller Beteiligten ist unbedingt zu empfehlen. Eine wesentliche Bedeutung kommt hierbei der Schule zu.

Allerdings kann in der Schule nur ein Teil der Diagnostik durchgeführt werden. Dieser Teil der Diagnostik umfasst die genaue Beobachtung und Beschreibung des Lernstandes im Lesen und Rechtschreiben. Zusätzlich sollten unbedingt die oben genannten standardisierten Lese- und Rechtschreibtests durchgeführt werden. Anhand dieser Testverfahren ist die Einordnung des Leistungsstandes eines einzelnen Kindes im Vergleich zu der Leistung der entsprechenden Klassenstufe möglich.

Die Legasthenie ist eine sehr häufige Störung. Insgesamt wird davon ausgegangen, dass ca. Jungen sind tendenziell häufiger als Mädchen Legastheniker, in der Vergangenheit wurde sogar gefunden, dass Jungen drei- bis viermal häufiger als Mädchen betroffen sind. Diese Ergebnisse konnten allerdings in neueren Untersuchungen so nicht bestätigt werden, auch wenn eine gewisse Überlegenheit der Mädchen im Schriftspracherwerb vorliegt.

Nach Haffner et al. Es werden sehr verschiedene Ursachen der Legasthenie angenommen. Die neurobiologisch orientierte Forschung der letzten Jahre hat zu einem deutlichen Erkenntnisgewinn in Bezug auf die zentralnervöse Verarbeitung von auditiver und visueller Information bei der Lese-Rechtschreibstörung geführt. Durch die neuen Methoden der genetischen Forschung sind mögliche Genorte, die wahrscheinlich für die Entstehung der LRS relevant sind, gefunden worden.

Das Zusammenwirken verschiedener Faktoren erscheint zur Zeit ein plausibles Erklärungsmodell für die LRS zu sein. Familienuntersuchungen in den USA, England und der BRD haben gezeigt, dass die Lese- und Rechtschreibstörung familiär gehäuft auftritt Schulte-Körne a. Dies allein würde allerdings nicht ausreichen, um von einer genetischen Disposition zu sprechen.

Erst der Vergleich von eineiigen mit zweieiigen Zwillingen ermöglicht die Abschätzung des genetischen Einflusses. Die Suche nach relevanten Genen hat zu verschiedenen sogenannten "Kandidaten-Gen-Regionen" geführt. Diese finden sich auf den Chromosomen 1, 2, 6, 15 und In diesen Regionen vermutet man Gene, die eine wichtige Funktion bei der Regulation von zentralnervösen Prozessen spielen.

Die aktuelle Forschung in der BRD zu den neurobiologischen und genetischen Grundlagen der Lese-Rechtschreibstörung unterstützt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft wird dazu beitragen, eine besseres Ursachenverständnis der Lese-Rechtschreibstörung zu erlangen. Die damit verbundene Hoffnung ist, aufgrund eines spezifischeren Ursachenverständnisses spezifischere Behandlungsformen zu entwickeln.

Zu den Störungen der zentralen auditiven Wahrnehmung gehören die Wahrnehmung von nichtsprachlichen und die Wahrnehmung von sprachlichen Reizen. Im Vordergrund der Forschung der letzten Jahre stand die sogenannte "Phonologie-Defizit-Hypothese". Diese besagt, dass bei der Lese-Rechtschreibstörung die Fähigkeit, lautliche Segmente der Sprache zu unterscheiden und im Gedächtnis zu speichern, gestört ist Schulte-Körne b.

Dies bedeutet, dass hirnorganische Korrelate für die gestörte Sprachwahrnehmung vorliegen. Die Bedeutung der gestörten Sprachwahrnehmung und der phonologischen Verarbeitung liegen in folgenden Überlegungen: Das Sprachwahrnehmungsdefizit ist bereits in den ersten Lebensjahren vorhanden und könnte einen wesentlichen Prädiktor für den gestörten Schriftspracherwerb darstellen.

Möglicherweise stellen diese Befunde eine Grundlage für eine Frühdiagnostik und Frühförderung dar. Das phonologische Verarbeitungsdefizit, gemessen zum Ende der Kindergartenzeit, lässt eine rechte gute Vorhersage des Erfolgs im Schriftspracherwerb zu Jansen et al. Vorschulische Förderung von phonologischen Fähigkeiten wirkt sich positiv auf den Schriftspracherwerb der ersten drei Grundschuljahre aus Schneider et al.

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